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Ein etwas anderer Knast
Die Hirrlinger Unternehmerin Daniela Eberspächer- Roth hilft straffälligen Jugendlichen
In der Welt der Bleche kannte sich Daniela Eberspächer- Roth bestens aus. Doch dann entdeckte die PROFILMETALL- Geschäftsführerin noch eine andere Realität: Sie hilft jungen Straftätern in einem bundesweit ehemaligen Projekt.
Tübingen. Stanzen und ziehen, kanten und prägen – mit Blechen kann man einiges anstellen, um sie in eine Profilleiste zu verwandeln. Was auch geht, ist kaltwalzen: „Das ist etwas Besonderes, sagt Daniela Eberspächer- Roth – eine Spezialität der Hirrlinger Firma PROFILMETALL, deren Geschäftsführerin sie ist. Ob Zierleisten für Kühlschränke oder solche aus Federbandstahl für den Motorraum von Dieselfahrzeugen: „In der Kontur der Profile steckt ihre Funktion.“ Neun Monate Seltenheit. Kunden wie BMW (für den X 5) oder Porsche (für den Cayenne) ordern mittlerweile bei dem Hirrlinger Unternehmen.
1999 übernahm Daniela Eberpächer- Roth die Firma von ihrem Vater – und leitet sie seitdem zusammen mit ihrem Mann Manfred Roth. Wenn er „der Vater der Produkte“ ist, wie sie sagt, was ist dann sie? Ganz klar: „ die Mutter der Organisation“. Unter anderem für Personalwesen und Finanzen, Marketing und Qualitätsmanagement ist die studierte Betriebswirtin zuständig. 80 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen. Noch in diesem Jahr sollen es zehn mehr werden. Einer davon könnte ein junger Auszubildender sein, der bislang noch im Knast sitzt, genauer; der seine Jugendstrafe im Seehaus Leonberg verbringt – ein „ Vollzug in freien Formen, wie ihn das Gesetz seit 1953cals Alternative zum Jugendvollzug kennt. Das bundesweit einmalig christlich motivierte Projekt heißt Prisma. Seit 2006 ist Eberspächer- Roth dort im Vorstand, seit einigen Monaten auch im Aufsichtsrat und zuständig für – die Vereinsfinanzen. Wie findet eine Unternehmerin aus der Welt der Maschinen, Messen und; Meetings in jene von jugendlichen Dieben und Schlägern, von kaputten Familien und beginnenden Knast- Karrieren? „Das lag vor einigen Jahren weit außerhalb meines Denkhorizonts, sagt sie.
Es war um ihren 40. Geburtstag herum. Da sie ihr und ihrem Mann irgendwann klar geworden: „Wir werden keine Kinder haben.“ Daniela Eberspächer- Roth wollte aber mit jungen Leuten zu tun haben, mit ihnen arbeiten – und zwar nicht nur mit den Azubis in ihrer Firma. Dann kam diese Anfrage. Warum die Leute von Prisma ausgerechnet aus sie gekommen sind, kann sie nicht sagen. Sie ging in sich, rief schließlich ihre Mutter und bat um Rat. „Bloß nicht!“, sei deren Reaktion gewesen, sagt sie und lacht: „Da war klar: Ich tu’s!“
Zwischen 16 und 21 Jahren alt sind die 15 jungen Männer, die derzeit im historischen, einst herrschaftlichen Seehaus bei Leonberg in familienähnlichen Strukturen leben. Bis zu 28 sollen es einmal sein. Alle kommen aus dem Jugendgefängnis Adelsheim, dessen 430 Plätze sämtlich belegt sind. „Bei diesen Jugendlichen ist viel schiefgelaufen im Leben.“ Vier von Fünf stammen aus Scheidungsfamilien.
Ganz wichtig: „ Alles Jungs kommen freiwillig ins Seehaus: Nur so funktioniert’s ohne Gefängnisgitter.“ Wie auch im Jugendknast können sich die jungen Männer bei Prisma auf den Hauptschulabschluss vorbereiten, ein Berufsvorbereitungsjahr oder das erste Lehrjahr in den Bauberufen absolvieren. Doch das ist nicht das Besondere an dem 1999 gegründeten Projekt, das Mitglied im Diakonieverband ist. „Was Prisma von allen anderen unterscheidet, ist das Familienprinzip, sagt Daniela Eberspächer- Roth. Jeweils fünf bis sieben Jugendliche leben gemeinsam mit den Sozialpädagogen, deren Partnern und Kindern unter einem Dach. Hier erfahren die Jugendlichen oft zum ersten Mal in ihrem Leben, dass es in einem strikt geregelten Tagesablauf Pflichten und Verbindlichkeiten gibt – genauso wie Geborgenheit, Verlässlichkeit und ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Dazu gehören auch: Viele Bücher, körperliche Arbeit, gemeinsames Bibellesen und die allabendliche Feeback-Runde im Kreis der Wahlfamilie. Aber kein Fernseher oder Internet-Spiele.
Die Rückfallqoute, die nach dem normalen Jugendgefängnis bei bis zu 80 Prozent liegt, tendiert bei Seehaus-Jugendlichen fast gegen Null. Was nicht zuletzt am großen Unterstützer-Netzwerk liegt und der guten Vermittlung. Nach ihrem Jahr im Seehaus haben alle einen Job oder eine Lehrstelle. Abgehauen ist noch keiner. Nur zwei schmissen hin – sie wollten zurück in den Knast. Begründung: „ Das ist mir zu anstrengend hier.“
Volker Rekittke, Schwäbisches Tagblatt, 17.05.2008
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